Die Entdeckung der Hände
Wir sind, bei allem Chaos, eine Familie mit zahllosen Ritualen. Eins davon ist, dass ich an jedem Geburtstag die Geschichte der Geburt erzähle. Jedes Jahr sind die Zuhörer ein Jahr älter, jedes Jahr ändert sich die Tiefe des Desinteresses, heute etwa, zum 13. Geburtstag meines ersten Sohns, waren alle drei Brüder krank und starrten bei der Geschichte vor sich her, als wäre ich Lehrer eines Nebenfachs in der 6. Stunde. Aber mein erster Sohn hörte zu.
Wir haben uns in den vergangenen Tagen oft gestritten, so grundsätzlich, wie man es nur tun kann, wenn einer sich fragt, wer er überhaupt sein soll und der andere 12 Jahre alt ist.
Wir näherten uns einem der Highlights der Erzählung, da wachten sogar die kranken gelangweilten Brüder kurz auf. Wie er mir auf den Bauch gemacht hat. Jedes Jahr große Freude darüber, aber in diesem Jahr schaute meine Frau mich an einer anderen Stelle an und ich sah, dass sie Tränen in den Augen hatte.
Ich erzählte von dem Moment, in dem ich seine Hände entdeckte. Meine Frau hatte einen Notkaiserschnitt gehabt, einige Minuten zuvor war ich allein gelassen worden im Geburtszimmer, die Ärzte waren gerannt, ich stand da und dachte, dass ich statt zu Dritt vielleicht alleine das Krankenhaus verlassen würde.
Dann wurde mir zu meiner Vaterschaft gratuliert, meine Frau wurde noch operiert, ich schnitt die Nabelschnur durch und eingewickelt in ein Tuch wurde mir dieses Bündel überreicht.
Ich hielt es, dieses fremde Kind in einem Tuch, und versuchte, es nicht zu zerdrücken, ich stand da eine zeitlang und plötzlich entdeckte ich diese Hände, die das kleinste waren, das ich je gesehen hatte.
Als ich davon erzählte, wusste ich, dass meine Frau an „Sind so kleine Hände” dachte, zwischen uns ist jeder Kitsch erlaubt, ich wusste, dass mein ältester Sohn zwischen uns hin- und hersah und zufrieden feststellte, dass uns auch im 13. Jahr schon der Gedanke an seine plötzlich erscheinenden Hände zu Tränen rührt und ein Streit immer nur für den Moment ist, die Liebe aber für immer, aber ich wusste ebenso, dass in den Tränen meiner Frau auch eine Mahnung steckte: Sei nicht so hart im Streit, bleib ruhig, lass dich nicht provozieren: sind so kleine Hände.

Eine schöne Geschichte zu meinem Geburtstag. Ich wünschte, jemand würde meine Hand auch in die seine nehmen.