Meine Liebe wächst mit jeder neuen Verletzung
Warum wird die Liebe zu einem Menschen immer dann stärker, wenn dieser einem deutlich zu verstehen gibt, dass er nichts von einem will? Ich hatte ein Jahr lang täglich telefonischen Kontakt zu einem 15 Jahre älteren Man. Bei mir entwickelten sich Gefühle, bei ihm jedoch nicht. Vor einem Jahr hat er plötzlich und ohne Vorwarnung den Kontakt abgebrochen. Regelmäßig rufe ich ihn seitdem an, aber er wird immer beleidigender.
Die Liebe zu ihm wuchs je öfter ich abserviert wurde. Scheinbar ist es ein häufiges Phänomen, dass Menschen sich ausgerechnet in die (stärker) verlieben, die sie verletzen. Ich fühle mich so dermaßen ausgenutzt. Es hat sich bei mir zu so einer Art Hassliebe entwickelt.
Judith, 21
Ich versuche mir bildlich vorzustellen, was zwischen Ihnen und Ihrem Ex-Freund (oder war es eine Telefonbekannschaft? Was die Frage aufwerfen würde: Was ist eine Telefonbekanntschaft?) vorgefallen ist, aber es gelingt mir nicht recht. Sie telefonieren, entwickeln Gefühle, er nicht, geht dann nicht mehr ans Telefon, Sie rufen weiter an, er fängt an, Sie zu beschimpfen und Ihre Gefühle werden gerade dadurch immer tiefer und nun sind Sie seit einem Jahr tief verletzt und holen sich regelmäßig eine neue Dosis Verletzung, die mit einer erneuten Erhöhung der Verliebtheit einhergeht – und Sie glauben, es handele sich bei diesem Vorgang um ein Massenphänomen. Wenn jemand von Hassliebe spricht, dann deshalb, weil seine Gefühle mit Liebe nichts zu tun haben. Vielmehr spürt man in sich irgendwelche wilden Gefühle und benennt sie ebenso wild. Vieles, was man nicht gleich bekommt, wird dadurch verheißungsvoller. Eine neue berufliche Herausforderung gewinnt an Reiz, wenn sich nicht leicht zu bewältigen ist, ein Spiel wird fad, wenn man es augenblicklich beherrscht, und so kann auch der Andere ungeheuer interessant durch Zurückweisung werden, wenn man ihn als Objekt der Begierde sieht. Er ist jedoch ein Subjekt. Und in der Liebe ist es zwingend geboten, dass das andere Subjekt die Liebe erwidert, sonst bleibt der Andere bloß eine Fiktion, die gar nicht selbst will und fordert, sondern bloß existiert in der eigenen Vorstellung. In dieser Vorstellung kann man dann lieben oder hassen, es bleibt sich gleich.
Die Liebe zu einem anderen Menschen besteht nicht in einem Sieg, den man erringt, nicht in einer Eroberung. Bleibt man unbeschenkt, kann man sich nicht auf den Boden werfen und quengelnd verlangen, nun doch endlich beschenkt zu werden. Man kann nur weitergehen, wachsen, traurig sein ohne zu hassen und schließlich einem anderen begegnen, der hoffentlich sich selbst als Geschenk dabeihat.
